| Was der Flachsanbau für die Ahnen bedeute und welche
aufwendigen Arbeitsschritte notwendig waren, ist heute kaum
noch bekannt. Bereits Anfang des Jahres wurden auf allerlei
Anzeichen und Wetteregeln geachtet. So sagte man: "Lichtmess
hell und klar gibt ein gutes Flachsjahr". Am Nisteltag,
Marie Lichtmess gingen die Jungen von Haus zu Haus, nistelten
und riefen dabei, indem sie mit den Händen anzeigten:
"So hoch soll der Flachs werden". |
| Der Acker auf dem der Flachs angesät werden sollte
wurde besonders hergerichtet. Am längsten Tag des Jahres,
dem 21 Juni wurde Flachs gesät. Das Saatgut musste von
besonderer Güte sein und wurde sorgfältig ausgewählt
und nur in den besten Säcken aufbewahrt. Denn lang und
fein sollte der Flachs werden. Im Namen Gottes wurde gesät
und am Schluss schwenkte der Sämann nochmals den Sack
über den Acker. Durch fleißiges Jäten wurde
der junge Flachs sauber gehalten. Er durfte nicht zu dünn
oder zu dick stehen beides hatte Auswirkung auf Fruchtstand
und Faserqualität. Sobald die Blätter, hier "Federn"
genannt, abfallen und der Stengel gelb wird ist Zeit für
die Flachskirmes. Dazu zogen die Frauen ins Feld zum Flachs
reißen. Der Flachs wurde mit der Wurzel aus der Erde
gezogen. |
| Der geerntete Flachs wurde zu Bündel den " Busen"
gebunden und in die Scheune gebracht. Ein Reffbaum, oder ein
Gestell mit Zinken besetzt diente zum ersten Durchkämmen
des Flachses. Hierbei wird der Leinsamen oder hier im Ort
Knoten genannt, gewonnen. In Mülverstedt hieß dieser
Arbeitsgang: "Der Flachs wird gerefft". Die
Knoten wurden wie Getreide gedroschen, um den Leinsamen zu
gewinnen. Ein Teil diente als Sattgut für das nächste
Flachsfeld. Aus dem Rest wurde das begehrte Leinsamenöl
gewonnen. |

Flachskirmes, die Busen werden durch große Kämme auf
dem Reffbaum gezogen, "gerefft".

Oben Kämme für das Hecheln, unten ein grober Kamm für
den Reffbaum aus dem Mülverstedter Heimat und Bauernmuseum.
Der ausgekämmte Flachs wurde zu kleinen Bündeln
den "Büserchen" gefasst und zwar immer
so groß wie man mit 2 Händen umfassen konnte.
Zehn "Büserchen" ergaben eine Wasserbündel.
Diese wurden dann ins Wasser auf sogenannte "Flachsröste"
gelegt und mit Steinen beschwert. Die Flachsröste von
Mülverstedt legte man unterhalb des Dorfes hinter den
Schrebergärten der Gemeinde in den Bach.
|

Die Wasserbündel in der Flachsröste.

| Der Flachs im Wasser und beim Trocknen roch unangenehm faulig
ausserdem versuchten findige Bauern den Faulprozess durch
Abdecken mit Erde oder Grasballen zu beschleunigen. Die Anordnung
aus dem Langensalzaer Amtsblatt aus dem Jahr 1843 sollte Ordnung
bringen. |
| Nach 10-14 Tagen fing der Flachs an zu faulen. In diesem
Zustand lies sich der Bast leicht von der Faser lösen.
Der Flachs wurde ausgewaschen und zum Trocknen (dörren)
aufgestellt. Die trockenen Bündel hießen "Stuchen",
zwanzig Stuchen war ein Bündel. Die Bündel lagerte
man in Haus oder Scheune unter dem Dach bis zum Frühjahr. |
| Schien im Frühjahr die Sonne kräftig, wurde der
Flachs in der Sonne "ausgestellt" und danach
"gebleut". Dies geschah mit dem Bleuel, einem
walzenförmigen Schlaginstrument. War der Flachs zu trocken,
das er brach, legte man ihn zum anfeuchten unter das Stroh
im "Scheuerpansen" . Nach dem "bleuen"
wurde der Flachs "gebrecht". |

Der Flachs wird mit dem Bleul kräftig geschlagen.
| Das Brechen des Flachse geschah mit Hilfe eines Messers
welches zwischen zwei hochkannt aufgestellten Brettern auf
und ab bewegt wurde. Hiermit konnte man die holzigen Teile
zerbrechen. Der Abfall daraus hieß "Brechsachen"
und wurde zum Scheuern genutzt. Eine Handvoll "gebrechter"
Flachs hieß dann "Lopfen", neunzig
"Lopfen" waren ein "Kloben". |

Die Arbeit am Brechstock

Ein Brechstock aus dem Mülverstedter Heimat- und Bauernmuseum
| Danach kam der Flachs auf den Schwingstock.
Der Abfall hieß "Schwingwerk" und
wurde an Händler verkauft. |

Der Flachs auf dem Schwingstock
| Nun wurde der Flachs auf groben und feinen Hecheln gehechelt.
Dies geschah mit quadratischen Brettern mit Eisenzinken. Die
groben ausgekämmten Flachsfasern hießen "Werk"
dieses Material wird von Sattlern zum Polstern verwand. Das
daraus entstandene grobe und feine Werk wurde zu sogenannten
"Kuden" zusammengedreht und kam in Säcke
zum Einlagern. |

Das Hecheln des Flachses. Unten rechts steht der Hechelkamm,
die Frau dreht gerade einen Kuden.

Ein ähnliches Gestell zum Hecheln des Flachses aus dem Mülverstedter
Heimat- und Bauernmuseum
| In den langen Wintermonaten wurden die "Kuden"
auf dem Spinnrad zu Garn gesponnen. Das gewonnene Garn wurde
"geweift". Werkgarn wurde auf kurzer Weife
geweift. Zehn Gebinde waren ein "Zaspel",
zwölf "Zaspel" ein "Stück".
Das Flachsgarn kam auf die große Weife. Hier waren zwanzig
Gebinde ein "Strang", sechs Stränge
ein "Stück". |

In der Spinnstube beim Flachsspinnen

Die Frau in der Mitte weift den gesponnen Flachs.
| Das Garn wurde in einem Kessel nochmals "gesotten"
und im Wasser ausgerungen, danach getrocknet. Nach dem Trocknen
konnten es die im Ort ansässigen Leineweber zu Leinen
verarbeiten. Je nach Qualität und Stärke wurde es
zu Planterstücken und groben Säcken oder zu feinen
Säcken (Sackdrillich), Handtüchern (Trockenlappenzwillich),
Schmal- und Breittücher, Plan- und Glengtücher.
Die Stoffe wurden nochmals unter mehrfachem Anfeuchten in
der Sonne gebleicht. Bis sie weiß wurden. Die so entstandenen
Stoffe verschwanden in den Bauerntruhen wo es den "Hausschatz",
den Stolz der Hausfrau bildete. |
| Um das Jahr 1890 gab es nur noch wenige Leineweber da die
Einfuhr von Baumwolle den Leinen verdrängte. Oft werden
heute auf alten Bauernhöfen im Dachboden und auf der
Tenne alte Kleidungsstücke, Hand- und Tischtücher
sowie Säcke für die Frucht gefunden, die von ihrer
Qualität und Haltbarkeit, bis zur heutigen Zeit nichts
eingebüßt haben, sofern sie über die Jahre
ordentlich gelagerte wurden. |

Der Leineweber am Handwebstuhl

Schiffchen für den Webstuhl aus dem Mülverstedter Heimat-und
Bauernmuseum.